Spirit

Mehr Glitzer, bitte.

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Posted on / by Linda
Discokugel im Planetensystem

Du kannst Spagat zwischen Menschen und Dingen, doch sie fressen dich.
Deine Freundin sagt „Du bist nie richtig hier“, sie erkennt dich nicht.
Dein Wahn und dein Display und es läuft und läuft an dir vorbei.
Du bist hier und überall, doch nie wirklich da, nur überall dabei.

Ach, man sieht doch das Leben vor lauter leben nicht.

-Bosse/ Vier Leben

Ich laufe durch die Straßen Berlins. Irgendein Ziel verfolgend.
Ich fühle mich hektisch. Ich bin genervt, kaputt und müde. Der Grund warum ich zu jenem Ziel, Ort oder Event hinlaufe, ist eben nicht mehr auffindbar, aber ich gehe sowieso, denn irgendwas treibt mich.

Der Dreck auf der Straße ekelt mich an und der Dunst von Bier und Urin brennt in meiner Nase. Ich frage mich warum Menschen solche Schweine sind, warum sie die Umgebung, in der sie leben, nicht interessiert. Meine Gedankengänge treiben mich in den Wahnsinn und erzeugen Wut in meinen Bauch. Ich kann sie nicht weiter verfolgen, denn da kommt meine U-Bahn, schnell quetsche ich mich, zwischen all den andern rastlosen Menschen, in die Türen. Es ist stickig, eng und die Luft ist von saurem Schweißgeruch erfüllt. Ich blicke mich um und schaue in traurige Gesichter und sehe menschliche Zombies die auf ihre Telefone starren, um die Zeit Tod zu schlagen- eben noch Emails zu verschicken, Pokémons zu fangen oder schnell noch ein paar Nachrichten an Menschen senden, die sie leider schon viel zu lange nicht gesehen haben.

Ich mach die Augen zu und lehne mich an die U-Bahn-Wand. Mein Kopf drückt von der stickigen Luft, mein Rücken schmerzt vom Tag und die Menschenmassen drücken meine Stimmung in ein noch tieferes Loch. Endlich öffnen sich die Türen da wo ich auch hin möchte und beim Tritt ins Freie fühle ich mich gleich ein Stückchen leichter.
Ich werfe einen Blick auf mein Handy. Immer noch keine Antwort.
Ich bin genervt und schon wieder bildet sich ein negativer Gedankenstrudel, der mir ein Schwindelgefühl gibt. Ich trete aus dem U-Bahnhof und sauge die frische Luft tief in meine Lungen. Ich schaue mich um.
„Genau hier wollte ich immer sein“, schießt es mir durch den Kopf.

Berliner U-Bahnhof

Genau in diesem Moment, an einem dieser ganz alltäglichen Tage, welche eigentlich völlig ungesehen in der Woche untergehen, wurde ich mitten auf den Straßen Berlins – oder vielleicht auch gerade von eben diesen – wachgerüttelt.
Und als ich zum fünften Mal das Lied „Immer so lieben“ von Bosse hörte und es zum ersten Mal verstand:

Wie viele Chancen hab ich schon vertan
Wie viel Glück hab ich verpasst
Weil ich es nicht schaff‘ die Momente zu greifen, was es mir bedeutet hat
merk‘ ich dann erst wenn es längst schon vorbei ist, leider ist das dann zu spät
Wie oft steh‘ ich da, schau nur hinterher, allem schau ich hinterher

Obwohl es mir eigentlich schon vor vielen Jahren zu den Lyrics von Clueso klar geworden ist:

Wie man genießen kann, wenn man weiß, dass man geht,
Man müsst ständig geh’n, das müsste ständig geh’n.
Wie man genießen kann, wenn man weiß, dass man geht,
So dass man anfängt, alles anders zu seh’n.

Aber anscheinen habe ich es schon wieder vergessen. Anscheinen vergessen wir es alle andauernd. Wir vergessen die Dinge zu schätzen die schon Jahre lang unser Leben bereichern.
Die Orte, die Menschen, die Gegenstände, die Träume die in Erfüllung gegangen sind, die Erfahrungen die wir gesammelt und die Erkenntnisse die wir daraus gewonnen haben. Die Welt mit all ihren Wundern, uns Selbst und die Tatsache, dass uns jeden Morgen ein neues Leben geschenkt wird.

All diese Wunder schienen uns, eines fernen Tages, vor wahrscheinlich ziemlich langer Zeit oder auch erst gestern noch, schier unerreichbar. Sie waren für uns wie die Goldmedaille im Olympia, wie Karten fürs Tomorrowland Festival oder wie Hitzefrei an langen Schultagen. Und jetzt, da wir sie ja haben und sie jeden Tag einfach ganz selbstverständlich da sind, vergessen wir, dass nichts auf der Welt jemals selbstverständlich ist oder jemals sein wird.

Denn es ist doch genau diese Magie, in genau den Momenten, wo diese speziellen Dinge unser Leben bereichern, die unser Dasein hier auf Erden so besonders und wertvoll macht. Die Magie, geborgen im unvorhersehbaren, im unkontrollierbaren und dem Wissen, dass eben nichts jemals selbstverständlich ist.

Wie in diesem stürmischen Moment, der dir eine Leere im Magen und einen Klos im Hals gibt, und du manchmal vergisst zu atmen, weil deine Gedanken nur wirre Lichtpunkte im Raum sind, da du gleich eine Reise in ein fernes Land antrittst und der Boden unter dir weich wird, aber dein Herz dir die Gewissheit gibt, dass du Flügel hast die dich tragen werden.

In dem Moment, wenn dir schwindelig vor Glückseligkeit wird, weil du dem Menschen, den du eigentlich schon hundert Mal gesehen hast, zum ersten Mal richtig in die Augen schaust und alles das siehst, was Worte niemals sagen könnten.

Der aufregende Moment, der sich wie Salz auf der Haut anfühlte und die Wärme die sich wie strahlen der untergehenden Sonne in deinem Herzen ausbreitet, wären du mit jedem Schritt durch die Stadt, in der du immer leben wolltest, dem Gefühl von Geborgenheit einem Stück näher kommst, da sie jetzt dein zu Hause ist.

Dieser Moment, wenn es sich so anfühlt, als wenn eine Feuerwerkssinfonie in deinem Bauch ihren Höhepunkt erreicht, weil dieser eine besondere Mensch das erste Mal deinen Kopf in seine Hände nimmt und seine Lippen die deinen berühren, so dass du für ein paar Sekunden alles vergisst.

Dieser selige Moment, wenn es sich so anfühlt, als wenn warme Schokolade deinen Körper ummantelt und jedes Atom in dir in einer anderen Farben leuchten, weil du zum ersten Mal nach langer Zeit an so fremden Orten, deinen Heimatboden berührst und die Umarmung mit deinen Liebsten all deine bunten Lichter zu einem großen Leuchten vereinen.

Dieser prickelnde Moment, wie als wenn Sterne kollidieren, indem du so durchlässig wirst, dass du nicht mehr weißt wo dein Anfang und sein Ende ist und die Worte die gesagt werden in deinem Herzen flirren, weil du nicht unterscheiden kannst ob es sein “Ich liebe dich” oder deines war.

Diese und all die anderen kostbaren Momente, in dem du das Leben so zu schätzen weißt, wie in keinem anderen. Wenn du so viel Dankbarkeit, Liebe und Glück empfindest, dass für kurze Zeit all die unwichtigen Kleinigkeiten, die viel zu oft, viel zu viel Raum in deinem täglichen Leben einnehmen, vergisst.

Bis irgendwann alles Kostbare auf einmal selbstverständlich wird. Du beim Reisen in ferne Länder mehr Routine als Ekstase verspürst, weil es doch immer das gleiche Prozedere ist und du zwischen all den Reisen und der Organisation Neuer, vergessen hast, dass es nicht selbstverständlich ist, dass du jeden Ort dieser Welt besuchen kannst und du vergessen hast, dass jede Reise die Entdeckung einer neuen Welt bedeutet.

Du die Personen in deinem Umfeld zwar siehst, aber nicht mehr wirklich erkennst, da sie ja schon so lange in deinem Leben sind und du das Gefühl hast schon alles über sie zu wissen und zwischen all den vermeintliche wichtigen Terminen und Verabredungen keinen Zeit bleibt, den anderen wirklich zu sehen. Da du vergessen hast, dass die Augen der Spiegel der Seele sind und keine Whats-App Nachricht dir jemals diese Nähe vermitteln könnte. Weil du es für selbstverständlich nimmst, dass diese Person dein Leben bereichert, ohne zu erkennen, dass jeder Moment mir ihr ein Geschenk ist.

Du irgendwann nur noch den Dreck auf der Straße, die vollen U-Bahnen und die ekligen Gerüche wahrnimmst, weil du Scheuklappen aus Alltäglichkeit und Hektik trägst, die dich blind machen für die Schönheit dieser Stadt. Weil du vergessen hast, dass es immer dein Traum war hier zu wohnen, weil es für dich aus einem Privileg zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist, ohne zu erinnern welchen Zauber diese Stadt in sich birgt.

Weil deine Küsse irgendwann eher einer Gewohnheit als einem Highlight gleichen, und du sie nur noch zum Hallo und Tschüss sagen auf die Lippen des anderen hauchst, weil du durch die scheinbare Permanenz des anderen vergessen hast, dass es nicht selbstverständlich ist, dass diese Person mit seiner Präsenz dein Herz erwärmt. Weil du vergessen hast, dass Küssen viel mehr als nur eine körperliche Aktivität ist und du jedes Mal wie das Erste feiern solltest, da jeder Augenblick nur eine Sekunde anhält.

Weil Heimkommen für dich von derselben Normalität überschwemmt worden ist wie das Abreise. Weil du ja ständig Ab- und Anreist, ohne zu merken, dass die Selbstverständlichkeit den Zauber dieses immer neuen Abenteuers leise verschlingt und du zu spät bemerkst, dass es schwer ist ohne Wurzeln zu Fliegen.

Und weil du aus derselben Selbstverständlichkeit, vergisst den liebsten Menschen immer wieder zu sagen, was sie dir bedeuten, denn du könntest es ja jeden Tag tun, sie sind ja immer da.
Aber für Liebe gibt es kein Zuviel, nur ein Zuwenig, kein zu laut, nur ein zu leise und kein zu oft nur ein zu selten.


Es ist vielleicht etwas übertrieben, aber nur durch die Übertreibung merken wir, wie viel Wahrheit doch dahintersteckt.

Ich weiß, dass es vielleicht ein kindlicher Wunsch ist, aber ich möchte niemals, dass die Selbstverständlichkeit die Magie verschlingt, die mein Leben so bunt und einzigartig macht.

Und wenn jeder, wenn auch nur manchmal, sich im alltäglichen Vergessen, an die Magie jedes einzelnen Augenblicks erinnert, dann wird sein Leben jedes Mal ein bisschen mehr glitzern. Und wenn jeder seinem Leben ein bisschen mehr Glitzer verleiht, dann gibt es vielleicht bald eine Discokugel im Planetensystem.

In Liebe,

eure Linda

Linda

Koffein fließ in meinen Venen, Glitzer dekoriert mein Gesicht und ein Garten blüht in meinem Herzen. Ich bin Linda. 26 Jahre jung und genauso wenig ein Fan von Wodka wie von Smalltalk. Yoga ist meine Passion und Liebe meine stärkste Waffe. Ich tanze durch das Leben, um jeden Tag etwas Neues zu entdecken. Namasté!

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