Spirit

Meine Chaostheorie

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Posted on / by Linda

You need
chaos
in your soul
to give birth to
a dancing
star.
-Friedrich Nietzsche

Ich möchte nicht weglaufen.
Ich möchte nicht stehenbleiben.
Ich möchte leben.
Von einem Moment zum nächsten.

Mein ganzes Leben wurde in den letzten Monaten auf den Kopf gestellt. Es hat sich so viel verändert. Und es waren wirklich keine kleinen Veränderungen. Es waren große, einschneidende Erlebnisse.

Mein Leben fühlt sich etwas aus der Bahn geworfen an. So ein bisschen wie als wäre ich gerade von der schick betonierten Straße direkt auf einen sehr holprigen, mit Steinen und Schlaglöchern übersäten Feldweg gefahren.

Und es macht mich unsicher.
Es macht mir Angst.

Ich weiß nicht wie das geht, das Leben.
Habe Angst zu verpassen.
Möglichkeiten. Chancen. Offene Türen. Momente. Feuerwerke. Regenbögen.
Angst, dass das was ich möchte nicht funktioniert.
Angst, zu bereuen, dass ich zu den falschen Zeiten an den falschen Orten war.
Angst, dass ich noch nicht das bin, was ich sein wollte.
Noch nicht da bin wo ich sein sollte.
Und noch nicht kann, was ich schon können möchte.

Ist das der Weg und wenn ja führt er mich ans Ziel?
Und warum bin ich eigentlich nicht schon lang da?

Ich bin eigentlich eine sehr geduldige Person.
Ich kann warten; auf die nächste U-Bahn, auf meine Verabredungen, bis der Sommer kommt und der Winter vorbei ist.
Ich habe Geduld mich an der Schlange zur Kasse im Supermarkt anzustellen. Ich habe Geduld solange meine Gedanken in die Dunkelheit zu werfen bis der Schlaf kommt und ich habe Geduld darauf zu warten, das andere wissen was sie wollen.

Doch es gibt eine Sache. Etwas wo ich der ungeduldigste Mensch der Welt bin. Etwas was mich nervös und hibbelig macht. Was meinen Puls in die Höhe treibt, mich nachts nicht schlafen lässt und meine Gedanken einnimmt.

Es sind meine Herzenswünsche.
Dass, was ich erreichen möchte. Was ich erleben, was ich können und was ich erfahren möchte. Es ist das, was ich mir für mein Leben wünsche. Was ich sein und verkörpern möchte.
Es sind die Dinge, die ich am meisten will, welche mich am ungeduldigsten machen und welche mir die meiste Angst einjagen.

Wenn ich mit jemand spazieren gehe, bin eigentlich immer ich diejenige die am langsamsten läuft, doch wenn es um meine Ziel geht, würde ich am lieben schon angekommen sein bevor ich überhaupt losgegangen bin.

In den letzten Wochen hat mich diese Ungeduld gepaart mit der dazugehörigen Angst, ziemlich überrannt. Es gibt so viele halbe Dinge im Moment in meinem Leben. Dinge wo ich erst am Anfang oder auf der Hälfte des Weges stehe. Ich fühle mich wie zwischen Tür und Angel. Ich stehe zwischen lauter halber Sachen, während einer meiner Füße die Flucht nach vorn ergreift, klebt der andere noch im Gestern fest.  Ich spüre, dass ich hier nicht hingehöre und ich versuche deshalb überall zu sein und merke gar nicht, dass ich mich dabei selbst verpasse.

All die offenen Türen machen mich nervös. Es gibt so viele Möglichkeiten und Chancen zu den Dingen die ich möchte. Es gibt diesen Workshop der nur an diesem einen Wochenende stattfindet, da noch diese Ausbildung, für die es nur noch jetzt den Sonderpreis gibt. Early Bird Tickets, social networks, last offers, und ich verliere mich selbst. Unsere Welt ist voll von lauter letzten Möglichkeiten, letzte Chancen und „nicht zu verpassen“- Angeboten.

Und ich habe doch so viele offene Baustellen…

Die Sache mit dem Beruf und darauf hinzuarbeiten was ich eigentlich will.
Die Sache mit dem Reisen und die Welt sehen.
Was zur  Sache mit dem Geld und dem Sparen führt.
Doch was ist mit dem Jetzt und den Festivals und den Konzerten und den Workshops?
Und was ist eigentlich mit dem Leben und dem Sinn und der Zukunft und der Zeit?
Und dann ist da ja noch die Sache mit der Trauer und meine Platz in der Welt.

Aus meiner Unsicherheit heraus hatte ich das Gefühl meine Entscheidungen abgeben zu wollen. Ich fühlte mich so hilflos, dass ich gern gewollte hätte, dass mir jemand sagt was zu tun ist.
Und obwohl ich spürte und wusste, dass mir keiner eine Antwort geben kann, bin ich losgegangen und habe versucht jemanden zu finden, der mir sagt, wo der Weg aus dem Chaos ist.
Was soll ich sagen; ich habe eine Antwort gefunden.

Allerdings nicht weil mir jemand meine Entscheidungen abnahm, sondern weil mich die Nachricht, die mir ein Freund auf meinen Hilferuf schrieb, wachgerüttelt hat. Auf einmal war alles ganz klar und ganz leicht, denn das Einzige was ich zu tun hatte war anzunehmen.  Anzunehmen was war und was eben auch nicht war. Anzunehmen das da Chaos ist und anzunehmen, dass ich noch keinen Weg aus dem Chaos gefunden habe.

Und ja ich weiß jetzt aus tiefsten Herzen, dass nur ich meine Entscheidungen treffen kann. Es heißt nicht, dass man sich keinen Rat holen sollte. Entscheidend ist, dass man nie versuchen sollte seine Entscheidungen jemand anderen zu übergeben, sondern zu wissen, dass nur du es bist, der dein Leben in der Hand hat.

Genauso wenig wie jemand für dich Entscheidungen treffen kann, genauso wenig kann jemand wissen was für dich gut und richtig ist. Und deshalb brauchst du gar nicht nach rechts und links schauen, um zu sehen wo die anderen stehen, um dich zu vergleichen und daraus zu ermessen wie weit du auf deinem Weg gekommen bist. Es ist dein Weg. Und du allein entscheidest was, wann, richtig ist. Es ist deine Aufgabe deinen Weg zu finden und das, meine Lieben, ist das befreiendste der Welt.

Mir wurde auf einmal klar, dass ich nach nur 2 Monaten, nachdem ich zwei mir so wichtige Menschen verloren hatte, noch gar nicht wissen musste, wie ich mit meiner Trauer umgehen soll. Ich habe erkannt, dass es absolut ok ist nicht zu wissen wie das geht. Ich muss noch nicht perfekt sein im Umgang mit meiner Trauer. Ich muss noch nicht wissen, wie ich sie im Alltag richtig unterbringe, wie ich meine Verstorben richtig in mein Leben integriere, wie ich mich jeden Tag selbst heile, wie ich es schaffe das die Traurigkeit, trotz einer Vollzeitstelle, Raum hat um zu heilen.

Ich muss auch noch nicht perfekt in meinem Job sein. Ich muss noch nicht wissen wie ich alle Situationen richtig handhabe. Ich muss noch nicht wissen ob ich das eigentlich will oder nicht. Ich muss noch nicht wissen, wie ich perfekt blogge oder wie ich dahin komme es zu wissen. Ich muss noch nicht wissen, wie ich Yoga zu meinem Hauptberuf mache und welche genauen Schritte ich dafür gehen muss. Ich muss noch nicht wissen ob ich lieber hierbleiben oder gehen will. Ich muss noch nicht mein ganzes Leben geplant haben und  ich muss noch nicht einmal wissen wo ich hingehöre und wer ich bin.

Ich habe Zeit.

Ich habe die ganze Zeit versucht den Weg zu umgehen. Ich wollte nach dem ersten Schritt direkt am Ziel sein, doch dabei habe ich vergessen, dass der Weg doch das eigentlich Wichtige ist. Denn der Weg ist mein Leben. Es sind all die kleinen und großes Ereignisse, Hindernisse und Umwege die mich formen und mir helfen mich selbst zu verstehen und zu entdecken. Eigentlich ist der Weg das, worum es geht.

Und es ist mein Weg.

Alles hat seine Zeit und seinen Platz in diesem Leben. Ich werde wissen was ich tun soll, was ich brauche und wie ich mit allem umgehe, wenn die Zeit gekommen ist.

Alles ist ok. Alles ist so wie es sein soll und ich bin genau da wo ich sein soll.
Genau hier ist Vertrauen dein größter Partner und ich habe meinen in den letzten Wochen ziemlich verraten.
Denn das Leben schneller leben zu wollen, als es eigentlich ist und dem Leben vorgreifen zu wollen, das hat nichts mit Vertrauen, sondern mit Angst zu tun.

Es ist die Angst die dir den Impuls gibt, alles scheinbar Negative schnell wegmachen zu wollen. All den Schmerz, die Wut, die Hilflosigkeit, die Traurigkeit, die Ungewissheit…

Es ist die Angst vor der Enttäuschung, die dich bestimmte Fragen nicht stellen lässt, die weniger verlangt an Stellen wo du so viel mehr bräuchtest und die dich selbst kleiner machen lässt, als du bist.

Nimm diese Angst jetzt. Schau sie dir an, fühle sie und wisse, dass sie dir zeigt, dass das was vor dir liegt von größter Wichtigkeit ist und dass das was du tun wirst, viel Mut erfordert.

Nimm diese Angst und transformiere sie in Neugierde. In Neugierde darauf zu erfahren wer du bist und was das Leben für dich bereithält. Neugierde darauf mit jeden Schritt mehr über dich und dieses unfassbare Wunder Leben begreifen zu können. Und dann kombiniere diese Neugierde mit Vertrauen. Vertrauen, dass alles dich zur Wahrheit führt, auch wenn es auf einem anderen Wege ist, als wie du es dir vorgestellt hattest.

Solange du eine ungefähre Ahnung hast wo du hin willst, was deine Träume und deine Ziele sind, kannst du eigentlich loslassen. Denn das Leben fließt und wenn du weißt wohin du gehen willst, dann kannst du dich einfach tragen lassen.
Verliere den Fokus auf deine Herzenswünsche dabei niemals aus den Augen, das ist das Wichtigste. Nimm dir immer Zeit, um dich mit dir selbst zu verbinden und zu schauen ob du noch weißt wo du hin willst. Aber zwischen deinem Standpunkt und dem Ziel ist viel Freiheit für Improvisation, Chaos und Überraschungen, die das Leben gerne ausnutzt, um dich auf ganz unerwartete Weise deinen Träumen näher zu bringen- lass es zu.

Eine sehr gute Freundin hat mir vor kurzem diesen Satz gesagt: Das Problem ist, dass wir das Chaos nicht zulassen können.

Er hat mich in der Seele berührt und ist bei meinem Herzen auf tiefe Resonanz gestoßen. Immer wenn irgendetwas im Leben aus der Balance gerät und sich unharmonisch und chaotisch anfühlt, haben wir sofort das Gefühl es wegmachen zu müssen. Wir haben sofort das Gefühl alles wieder in Harmonie bringen zu müssen.

Ja, Balance ist etwas Gutes, aber Chaos ist deshalb nichts Schlechtes. Und wenn das Chaos gerade in unserem Leben ist, dann hat es seinen Grund und seine Berechtigung.
Wie ich bereits sagte. Alles ist ok. Wir müssen das Leben nicht in einem Tag verstehen und begreifen können. Wir müssen nicht alles sofort wissen, können und verstehen. Wir müssen nicht jede Disharmonie sofort „bereinigen“.

Das Leben besteht aus unendlichen vielen kleinen Augenblicken und doch nur aus einem großen Moment. Das Wichtigste ist also immer das Jetzt. Es geht darum was du genau JETZT tun kannst, um deinem Leben und dir ein Stückchen näher zu kommen. Konzentriere dich auf den Moment, denn er ist der einzige in dem du etwas tun kannst. Für alles andere haben Vertrauen und sei Neugierig.

Ich für meinen Teil, habe erkannt, dass mein Weg gerade nicht der betonierte Highway ist, sondern die holprige Landstraße. Und ich habe erkannt, dass es genau der Weg ist, den ich jetzt nehmen soll. Also lehne ich mich zurück, genieße den Ausblick und freue mich über jede neue Entdeckung am Wegesrand.

Mein Mantra:
Da wo ich bin, da soll ich auch sein.

In Liebe,

Eure Linda

 

 

Linda

Koffein fließ in meinen Venen, Glitzer dekoriert mein Gesicht und ein Garten blüht in meinem Herzen. Ich bin Linda. 25 Jahre jung und genauso wenig ein Fan von Wodka wie von Smalltalk. Yoga ist meine Passion und Liebe meine stärkste Waffe. Ich tanze durch das Leben, um jeden Tag etwas Neues zu entdecken. Namasté!

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