Mindful pedagogy

Weil Vorlesen nicht gleich Vorlesen ist // 6 Tipps zur Bilderbuchbetrachtung mit Kindern

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Posted on / by Linda

Einem Kind ein Buch vorzulesen oder zusammen eines anzuschauen, ist etwas so unscheinbares, was leicht in seiner Wertigkeit unterschätz werden kann. Was soll da auch schon groß dazu? Ein paar Bilder, eine Geschichte, fertig.

Doch oft sind Bücher und das Vorlesen oder Anschauen dieser, an Rituale geknüpft. Eines der häufigsten ist wohl das Vorlesen vor dem Schlafen gehen. Doch auch als Ruhezeit nach dem Mittagessen, als Zeitvertreib auf langen Reisen oder als besonderes Highlight Sonntag früh im Bett, können Bücher einen wunderbaren Rahmen im Alltag bieten.
Deshalb sollte man, wie ich finde, der Bilderbuchbetrachtung besondere Aufmerksamkeit schenken, denn Bücher eröffnen den Kinder eine der ersten Verbindungen zu Sprache und Schrift. Kinder sind die wohl besten Nachahmer und wir sind ihre größten Vorbilder. Aus diesem Grund ist es entscheidend das wir Kinder mit einem der wichtigsten und schönsten Medien unserer Welt schon früh in Kontakt zu bringen.

Durch die Geschichten wird ihre Fantasie angeregt, durch das Vorlesen bekommen sie einen wichtigen Bezug zum Rhythmus der Sprache und durch das Betrachten der Schrift einen ersten Eindruck von Buchstaben und Wörtern. Nach und nach wird man beobachten können, wie Kinder anfangen selbstständig aus einem Buch anderen Kinder „vorzulesen“. Da sie noch nicht lesen können, denken sie sich ihre eigenen Geschichte aus, doch verwenden hierzu die gleiche „Vorlesestimme“, Betonung, sowie Gestik und Mimik wie wir es tun.

Sprache ist eine unserer wichtigsten Verbindungen zur Außenwelt und zu Kommunikation mit eben dieser. In einer meiner Vorlesungen hatte ich einen Aha-Moment als meine Dozentin sagte: „Alles was wir nicht sagen können, können wir auch nicht denken.“

Unser Wortschatz und das was wir mit ihm ausdrücken, bildet ein wichtiges Fundament für alles, von was wir träumen, welche Ideen wir haben und was wir uns vorstellen können. Umrahmen wir den Alltag unserer Kinder ganz natürlich mit Sprache, Lesen und Schrift, helfen wir ihnen sich und die Welt besser zu verstehen und ihre Träume weitreichend zu gestallten.

Doch Buch anschauen, ist nicht gleich Buch anschauen. Bücher beherbergen Welten die entdeckt, Geheimnisse die gelüftet, Fragen die beantwortet und Ideen welche kreiert werden wollen. Um aus einer gewöhnliche Vorlese-Runde, einen ganz besonderen Augenblick für das Kind und den Erwachsenen zu machen, möchte ich euch einige Ideen mit auf den Weg geben. Es ist hierbei vollkommen egal ob das Vorlesen die Eltern, Tante, Onkel, Geschwister, Erzieher, Großeltern oder jemand vollkommen anderes übernimmt.
Die jeweilige Vorlesesituation hängt natürlich immer von der Anzahl der Kinder, dem Alter dieser und der Geschichte ab, aber die Ideen, die ich euch hier mitgebe, sind mit Abwandlungen auf jede Situation anwendbar.

Weil Vorlesen nicht gleich Vorlesen ist

1. Atmosphäre

Das allererste was ich anregen will, ist so einfach wie entscheidend zugleich. Es geht hierbei um den Ort des Vorlesens und um die zu schaffende Atmosphäre. Damit die jeweilige Geschichte auch ihren Charme entfalten und das Kind wirklich drin versinken kann, ist es entscheidend das eine Wohl-fühl-Atmosphäre geschaffen wird.

Was immer einem auch ein wohliges Gefühl verschafft ist richtig. Vorzugsweise eignen gemütliche Orte mit vielen Kissen, wenig Nebengeräuschen und einem geeigneten Licht. Wenn du in der Kita arbeitest, ist es günstig eine ruhigen und möglichst ungestörten Platz zu finden, wo die Kinder sich kurz von der Gruppe zurückziehen können. Schön sind auch kleine Höhlen oder Tipis, die eine Abgrenzung zur Außenwelt bieten, so das man für einige kleine Momente in einer andere Welt eintauchen kann.

Doch eigentlich braucht man nicht viel, oft reicht der eigene Schoß und die volle Aufmerksamkeit.

2. Weil lesen nicht gleich lesen ist

Um die Geschichte des Buches zum leben zu erwecken und für die Kinder anfassbar zu machen, kann man ein wenig mit der sprachlichen Gestaltung spielen.
Eine schöne Art und Weise ist hierzu den Charakteren der Geschichte unterschiedliche Stimmen zu verpassen, um die Unterschiede zwischen den Figuren deutlicher herauszuarbeiten. Hierzu muss man kein Sprachkünstler sein, oft reicht ein kleiner Unterschied in der Tonlage, um zum Beispiel männliche und weibliche Figuren von einander zu unterscheiden. Schnelleres oder langsameres sprechen können den Gefühle von Aufgeregtheit oder Langeweile Ausdruck verleihen und ein kleines Zittern in der Stimme verkörpert Figuren mit höherem Alter oft sehr gut.

Seid hierbei einfach ganz kreative, oder fragt die Kinder, wie sie sich die Stimme der jeweiligen Person oder des Tieres vorstellen, ihr werdet überrascht sein, von ihrer Vorstellungskraft .

Ein weiter Punkt, welchen ich persönlich als wichtig erfahren habe, ist das bewusste setzten von Pausen. Wenn ihr vorlest, dann nehmt euch wirklich Zeit dafür und versucht nicht das Buch einfach so abzuarbeiten. Seid wirklich in diesem Moment, bei der Geschichte und bei dem Kind präsent und ihr werdet sehen, es macht einen großen Unterschied.
Außerdem sind Pausen nach langen Dialogen, Textabschnitten oder am Ende einer jeden Seite entscheiden, damit die Kinder die Chance haben, das Gelesene zu verarbeiten, mit den Bilder zu verbinden oder sich ihr eigenes Bild im Kopf zu formen.

3. Die Bilder

Die meisten Kinderbücher sind mit großen Bildern illustriert, um den Kindern einen Anreiz zur Verbildlichung der Geschichte zu geben.
Ich konnte für mich feststellen, dass das Betrachten und Einbinden der Bilder genauso wichtig, wie das Vorlesen selbst ist. Hierbei kann man nach dem gelesenen Text, einfach noch einmal in ein kurzes Gespräch mit den Kindern über das Bild kommen. Schaut zusammen ob ihr die gehörten Inhalte auf dem Bild wieder entdecken könnt oder ob vielleicht sogar noch einige versteckte Informationen zu finden sind, die in dem Text nicht erwähnt wurden.

Fragen hierzu könnten zum Beispiel sein: “Hast du dir die Figur genauso vorgestellt, wie sie hier abgebildet ist?” oder “Kannst du etwas auf dem Bild entdecken, was in der Geschichte nicht erwähnt wurde?” 

Nehmt euch für die Bilder genauso viel Zeit, wie für das Lesen des Textes. Oft benötigen Kinder die Zeit, um wirklich alle Inhalte des Bildes zu erfassen und verarbeiten zu können, was ihnen, wie ich aus meiner Erfahrungen sagen kann, auch sehr wichtig ist. So bekommen sie nicht nur einen mentalen sondern auch einen bildlichen Bezug zur Geschichte.

4. Und wer nicht fragt bleibt dumm

Lass das Anschauen und Vorlesen von Büchern nichts einseitiges sein, wo nur du als Erwachsener auf der einen Seite vorliest und das Kind auf der anderen Seite passiv zuhört. Lass es ein gemeinsames Miteinander und ein gemeinsames Entdecken der Geschichte werden. Um das Kind in die Geschichte mit einzubinden ist es hilfreich zwischendurch Fragen direkt an ihn oder sie zu adressieren. Hierbei geht es darum, die Phantasie des Kindes anzuregen und die Geschichte weiterzudenken.

Fragen wie “Was denkst du, könnte jetzt passieren?” “Was glaubst du, sollte die Figur jetzt tun?” oder “Hast du vielleicht eine Idee, was die Lösung sein könnte?”, regen das Kind an eigene Lösungen für eventuell Problem in der Geschichte zu finden oder die Geschichte selbstständig weiter zu denken. Offene Fragen wie diese, sind allerdings erst ab einen Alter von ca. 4 Jahren geeignet.

Das heißt nicht das man jüngeren Kindern keine Fragen zu der Geschichte stellen kann, es sollten nur andere sein. Bücher für jüngere Kinder sind noch nicht so komplex gefasst, weshalb man hier Fragen formulieren kann, welche das Vorgelesene reflektieren oder die Bilder miteinbeziehen. “Was ist hier XY hier gerade passiert?“, “Warum ist XY traurig?” oder “Kannst du erkennen was YX auf dem Bild gerade macht?”. Hierbei zielen die Fragen auf ein bestimmten Ausschnitt der Geschichte und helfen jüngeren Kindern so bestimmte Momente näher zu betrachten.

5. Philosophieren

Um mit Kindern ins Gespräch über verschiedene Themen zu kommen, eignen sich Bücher ganz hervorragend. Zum Philosophieren mit Kindern, werde ich euch noch einen eigenen Blogbeitrag verfassen, dennoch möchte ich euch jetzt bereits ein paar Tipps an die Hand legen.

Das philosophische Gespräch muss nicht unbedingt am Ende der Geschichte entstehen, es kann an jedem beliebigen Teil zustanden kommen. Geh hierbei einfach mit den Impulsen des Kindes mit und versuche es bei entstehenden Gedanken, welche vielleicht durch deine Fragen ausgelöst wurden, zu unterstützen.

Nehmen wir als Beispiel die Geschichte von Peter Pan. Um über die Geschichte mit den Kindern ins Gespräch zu kommen, wären folgende Sätze oder Fragen hilfreich:

“Was glaubst du wie es wäre, wenn Kinder wirklich nach Nimmerland fliegen könnten?” 

“Wie wäre es, wenn alles was wir glauben war wird?”

“Was denkst du, gibt es Nimmerland wirklich?”

“Was wäre, wenn wir alle fliegen könnten?”

“Glaubst du, man könnte auch ohne seine Eltern leben?”

Hierbei geht es wirklich darum der Phantasie des Kindes anzuregen und Freiraum dafür zu schaffen. Anregungen in Form von Hypothesen (“Was wäre wenn,…) geben den Kindern, die nötige Grundlage hierzu.

Um dann das Gespräch weiter zu führen, ist es wichtig seine eigene Phantasie zu benutzen. Hierbei kannst du den Kindern Anreize durch den Ausdruck deiner eigenen Gedanken geben. Versuche hierbei selber Kind zu seine und deine Erwachsene Rationalität zu verlassen.

“Stell dir mal vor, wir hätten alle eine kleine Fee an unserer Seite”

“Stell dir mal vor, wir könnten jeder Zeit ins Nimmerland fliegen.”

“Stell dir mal vor, wir würden alle niemals Erwachsen werden.”

Durch deine eigenen Gedanken und Anregungen stößt du das Kind an, weiter über das Gelesene hinaus zu denken. Im Laufe des Gesprächs werden natürlich auch Kinder fragen an dich richten. Versuche hierbei diese nicht einfach mit der “richtigen” Antwort zu beantworten, sonder versuche immer wieder das Kind dazu anzuregen, selbst zu überlegen was die Antwort sein könnte. Kinder denken oft, dass wir als Erwachsene alles wissen und quasi zu jeder Frage eine Antwort haben. Ich finde es wichtig Kindern zu vermitteln, das es nicht immer nur eine Antwort gibt und das Erwachsene alles wissen, sondern das auch ihre Gedanken und Lösungswege “richtig” und vor allem wichtig sind.

6. Über das Buch hinaus schauen

Kinder liebes es die gleichen Dinge immer und immer wieder zu tun bzw. zu hören. Wenn sie also ein Lieblingsbuch haben, wird es wahrscheinlich so sein, dass du es ihnen gefühlte 200 Mal vorlesen wirst. Um hier noch einmal einen kleinen Twist einzubringen, möchte ich euch einige Ideen geben, wie ihr Bücher noch anders mit Kinder nutzen könnt bzw. die Art des anschauen zu verändern.

Bilderbuchkinos sind beispielsweise eine schöne Form, um Büchern noch einmal einen neuen Touch zu verleihen.
Die Idee ist hierbei ein Buch, wie ein Kinofilm zu präsentieren. Hierzu nutzt man die Bilder des jeweiligen Buches und digitalisiert diese. Nun kann man die Bilder z.B. in eine Power Point Präsentation packen, um diese später z.B. über einen Beamer oder über den Fernsehen vergrößert auszustrahlen (Achtet hierbei auf das Copyright). Dann wird die Geschichte vorgelesen und die Kinder sehen die da zugehörigen Bilder in Kino-Atmosphäre. Um ein richtiges Kino-feeling zu erzeugen, sind Popcorn, selbst gebastelte Eintrittskarten und leckere Getränke eine passende Ergänzung. Diese Form der Bilderbuchbetrachtung ist ein Highlight für Kindergeburtstage oder eine schöne Abwechslung im Kitaalltag.

Bei verschiedenen Verlagen oder Webseiten gibt es auch die Möglichkeit sich Bilderbuchkinos kostenlos runterladen zu können.
Zum Beispiel bei Carlsen Verlag, S. Fischer Verlag,

Außerdem gibt es auch die Möglichkeiten Bilderbuchkinos zu erweben. Zum Beispiel bei: Loewe-Verlag und ausschließlich für Kitas und andere Institute beim Esslinger Verlag 

Theater und Verkleiden ist eine weitere Idee. Wie wäre es die Kinder anzuregen in die Rollen ihres Lieblingsbuches zu schlüpfen? Dazu benötigt es nicht teure Kostüme und Schauspielerfahrung. Ein Schlipps von Papa, hohe Schuhe von Mama, ein Rock, eine Mütze oder Handschuhe und schon kann man jemand ganz anders sein. Ihr könnt in die Rolle des Erzählers schlüpfen und einfach Seite für Seite vorlesen und die Kinder stellen die Szenen nach.
Das ist ein eine herrliche Idee für Kindergeburtstage. Warum nicht das Lieblingsbuch gleich zum Motto der Party machen?

Ich hoffe ihr habt Spaß am Ausprobieren, Vorlesen, Philosophieren und selbst-wieder-Kind-sein!

Bis bald,

Eure Linda

P.s.: Es folgt ein Beitrag mit Kinderbuch-Empfehlungen!!!

Linda

Koffein fließ in meinen Venen, Glitzer dekoriert mein Gesicht und ein Garten blüht in meinem Herzen. Ich bin Linda. 26 Jahre jung und genauso wenig ein Fan von Wodka wie von Smalltalk. Yoga ist meine Passion und Liebe meine stärkste Waffe. Ich tanze durch das Leben, um jeden Tag etwas Neues zu entdecken. Namasté!

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